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Kollagene Colitis, Lymphocytäre Colitis

Überblick

Vielleicht vorneweg ein paar Infos zur Kollagenen und zur Lymphocytären Colitis: es handelt sich dabei um eine (mutmaßlich?) chronische, etwas atypisch ablaufende Entzündung der Dickdarmschleimhaut, deren Ursache nach wie vor nicht so ganz klar ist und die klinisch mit heftiger wässriger Diarrhoe einhergeht. 

Die Besonderheit liegt dabei in der übermaessigen Ausbildung einer (physiologisch bei jedem Menschen vorhandenen, aber nur wenige Mikrometer dicken) Membran, die normalerweise die Schleimhautzellen von den darunterliegenden Schichten der Darmwand trennt. Diese Membran verdickt sich bei der Kollagenen Colitis monströs und besteht dann im wesentlichen aus Reparaturkollagenen, wie sie z. B. bei der Narbenbildung auftreten. Die Genese der Durchfälle ist immer noch nicht geklärt, aber diese verdickte Membran dürfte dabei durchaus eine Rolle spielen.

Die Lymphocytäre Colitis läuft immer etwas parallel nebenher, und es ist auch mehr als 25 Jahre nach der Erstbeschreibung nicht klar, ob es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild oder vielmehr um eine Variante der Kollagenen Colitis mit einem anderen Ausprägungsgrad handelt. Bei der Lymphocytären Colitis besteht ebenfalls eine chronisch-rezidivierende Entzündungsreaktion unklarer Genese, die aber nicht zur Ausbildung einer Narbe wie im Falle der Kollagenschicht führt, sondern zu einer sehr dichten, aber atypischen Besiedelung der Darmschleimhautzellen mit T-Lymphocyten, also mit Immunzellen. Ich tendiere immer noch dazu, die Lymphocytäre und die Kollagene Colitis als zwei unterschiedliche Ausprägungen ein und des selben Krankheitsbildes zu sehen.

Es gibt zwei Grundthesen zur Entstehung der Störung.
Die eine Theorie besagt, dass ein Autoimmungeschehen im Vordergrund steht, der Körper sich also aus unbekannter Ursache (teils auch genetisch bedingt) gegen sich selbst wendet und körpereigene Zellen falsch als Fremdzellen interpretiert und deshalb bekämpft (andere Beispiele: diverse Schilddrüsenerkrankungen, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises und nicht zuletzt auch die klassischen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa). Die Folge der Bekämpfung ist die besagte Entzündungsreaktion. 

Die zweite These geht von einem bis jetzt nicht entdeckten Bakterium oder Virus aus, das im Rahmen einer chronischen Infektion zu besagter Entzündungsreaktion fuehrt. Mittlerweile geht der Konsens eher in Richtung der ersten Variante, also des Autoimmungeschehens. An die rein bakterielle/virale Genese glaubt kaum allerdings inzwischen noch jemand, auch wenn nicht sicher ausgeschlossen werden kann, dass am Anfang der Reaktionskette ein passagerer Darminfekt steht, der dann über teilweise autoimmunologische Prozesse in die chronische Entzündung mündet. Insofern muss am ehesten von einem multifaktoriell bedingten Geschehen ausgegangen werden. 

Therapeutisch hat sich ein Konzept herauskristallisiert, das im wesentlichen dem Regime bei Morbus Crohn entspricht: eine Kombinationstherapie aus Cortison und 5-Aminosalycilsäure (klassisch: Budesonid oder Prednisolon und Mesalazin). Die Grundidee ist, die Entzündungsreaktion mit einer kurzfristigen Hochdosisgabe zu durchbrechen und dann mit einer Erhaltungstherapie im Zaum zu halten, wobei das Regime jeweils auf den Einzelfall abgestimmt sein muss.
Diätmassnahmen bringen im Allgemeinen nichts, es sei denn, dass der Patient individuell feststellt, dass er bestimmte Dinge weniger gut verträgt als andere. Auch andere Therapieformen haben sich im Verlauf der letzten 25 Jahre als nicht suffizient erwiesen.
Als symptomatische Therapie gegen die Diarrhoe lässt sich ausser Loperamid- und Aktivkohle-Gabe nicht viel Sinnvolles machen, aber die Erfahrung zeigt, dass sich mit Rückgang der Entzündungssituation auch die Durchfälle bessern.

Wenn die Diagnose mittels mehrfacher Probeentnahme im Rahmen einer oder besser mehrerer Darmspiegelung(en) tatsächlich gesichert ist und Sie durch die Durchfälle deutlich in Ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt sind, sollte ggf. eine antientzündliche Behandlung eingeleitet werden. Insofern würde ich Ihnen dann raten, sich mit einem Gastroenterologen in Verbindung zu setzen, der sich mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen auskennt (sofern Sie das noch nicht getan haben). Wenn die Diagnose auf festen Füssen steht (was sie erfahrungsgemäss nicht immer tut !), sollte nachgedacht werden, welches Regime für Sie individuell am Besten ist.





Dr. med. Christof Rehbein
Dissertation (Fakultät für Klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg 1994

"Immunhistochemische Untersuchungen zur Pathologie der Kollagenen und der Lymphozytären Colitis"

Die Kollagene und die Lymphozytäre Colitis sind in den vergangenen Jahren zu zwei gut definierten Krankheitsbildern abgegrenzt worden, deren mögliche Zugehörigkeit zu einer einheitlichen klinisch-pathologischen Entität umstritten ist. Beide Krankheiten manifestieren sich klinisch mit dem Bild rezidivierender, profuser wäßriger Diarrhöen über einen Zeitraum von Monaten bis Jahren bei ansonsten weitgehendem Wohlbefinden und Fehlen anderer Krankheitszeichen.

Die Ätiologie dieser eindeutig nur histologisch zu diagnostizierenden Erkrankungen ist weitgehend ungeklärt, wobei einerseits Autoimmunphänomene diskutiert werden, andererseits eine Reaktion auf einen noch unbekannten, möglicherweise infektiösen Reiz viraler oder bakterieller Genese. Histologisches Diagnosekriterium der Kollagenen Colitis ist neben einer entzündlichen Gewebsreaktion eine vielfach verdickte, basalmembrannahe, subepitheliale Bande aus Reparatur-Kollagen. Im Falle der Lymphozytären Colitis ist neben der entzündlichen Gewebsreaktion ein intraepitheliales lymphozytäres Infiltrat maßgebend. Übergänge zwischen beiden Krankheitsbildern sind beschrieben worden.

In der vorliegenden Studie wurde die Expression verschiedener Antigene in Gewebeproben aus dem Dickdarm von 23 Patienten mit Kollagener oder Lymphozytärer Colitis untersucht und die Ergebnisse mit denen sowohl gesunder als auch definiert kranker Kontrollprobanden mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen verglichen, um:

a.) Erkenntnisse über die Herkunft der Kollagenschicht zu gewinnen,
b.) eine Subtypisierung des entzündlichen Gewebsinfiltrates vorzunehmen
c.) mögliche Hinweise auf ein Autoimmunphänomen im Sinne einer aberranten HLA-Antigenexpression in der Darmschleimhaut zu erhalten,
d.) neue Hinweise auf Ätiologie und Epidemiologie der Erkrankungen zu gewinnen.

Außerdem wurde eine weitgehend vollständige Auswertung der vorhandenen Literatur durchgeführt, um einen bisher noch nicht beschriebenen Überblick über die tatsächlichen epidemiologischen Verhältnisse im Patientengut der Weltliteratur zu erhalten.

In der Literaturauswertung zeigte sich, daß die oft diskutierte These einer Belastung der Patienten mit Erkrankungen des Autoimmunformenkreises statistisch nicht haltbar ist. Ebensowenig besteht in der Gesamtheit der beschriebenen Fälle ein Zusammenhang mit der Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika, wie ebenfalls diskutiert wurde. Auch im eigenen Patientengut ergaben sich keine statistisch signifikanten Hinweise auf entsprechende Faktoren. Die Alters- und Geschlechtsverteilung des hier untersuchten Patientengutes entsprach nicht der der in der Weltliteratur publizierten Kasuistiken.

Es konnte keine aberrante HLA-Klasse II-Antigen-Expression im Gewebe festgestellt werden. Auch die physiologische Expression auf Entzündungszellen war nur mäßig ausgeprägt, dies insbesondere gegenüber den Kontrollprobanden mit M. Crohn oder Colitis Ulcerosa, wo stark erhöhte Expressionslevel auftraten. Dies deutet in Verbindung mit den epidemiologischen Daten darauf hin, daß an der Pathogenese der Kollagenen und der Lymphozytären Colitis keine Faktoren im Sinne eines Autoimmungeschehens beteiligt sind. Die Subtypisierung des entzündlichen Infiltrates ergab ein Überwiegen von T-Lymphozyten mit einem hohen Anteil an CD45R0-positiven Gedächniszellen. Weiterhin fand sich ein geringer Anteil an B-Lymphozyten, der jedoch im Vergleich zu den gesunden Kontrollprobanden deutlich erhöht war. Dies entspricht dem Bild einer nicht-eitrigen akuten Entzündungsreaktion. Die Analyse der Expression des Wachstumsfaktors EGF und seines Rezeptors ergab ein deutlich erhöhtes Exprimierungslevel im Bereich von Fibroblasten und stromaständigen Rundzellen, dies sowohl gegenüber den gesunden als auch gegenüber den erkrankten Kontrollprobanden.

Hier könnte ein Schlüssel für die Herkunft der Kollagenbande bei der Kollagenen Colitis liegen: eine pathologische Upregulation der kollagenproduzierenden Fibroblasten durch einen noch unbekannten Reiz geht mit einer vermehrten Wachstumsfaktorexpression einher. Die Lymphozytäre Colitis weist tendenzmäßig die selben Charakteristika auf wie die Kollagene Colitis. Die Herkunft des intraepithelialen lymphozytären Infiltrates und sein Zusammenhang mit der Entwicklung der Kollagenbande konnten jedoch nicht geklärt werden

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, daß :
  • kein statistischer Zusammenhang zwischen der Kollagenen und der Lymphozytären Colitis und einer eventuellen Vorbelastung durch Autoimmunerkrankungen besteht
  • kein Zusammenhang mit der Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika besteht
  • im Gegensatz zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (M. Crohn und Colitis Ulcerosa) ein nur wenig erhöhter HLA Klasse II-Expressionslevel vorliegt und keine aberrante Expression nachweisbar ist
  • die immunhistochemische Infiltratsubtypisierung der Kollagenen und der Lymphozytären Colitis das Bild einer akuten, nicht-eitrigen Entzündung zeigt
  • eine unphysiologisch hohe Expression von fibroblastenstimulierenden Wachstumsfaktoren vorliegt
 
Als Fazit läßt sich hieraus schließen, daß es sich bei der Kollagenen Colitis um ein nicht autoimmunologisch bedingtes Krankheitsbild handelt, bei dem ein möglicherweise infektiöses Agens eine akute Entzündung induziert, außerdem die lokale Fibroblastenpopulation auf unphysiologischem Weg direkt stimuliert und so eine pathologische Upregulation einleitet, die zu der typischen Kollagenbande führt.


                 

© 2007 Dr. Christof Rehbein